Lemminge

Mein Blog heisst “je suis ma liberté.” Und das aus gutem Grund. Ich finde dieser Satz drückt absoluten Optimismus aus. Wie schön wäre es doch, sich selbst als Ort seiner absoluten Freiheit definieren zu können. Das würde bedeuten, sich bei und mit sich immer wohl zu fühlen und seinen absoluten Ruhepol in sich zu tragen. Unabhängig von der Außenwelt. Läuft alles gut, ausgezeichnet. Läuft alles beschissen, auch gut. Doch nur allzu oft holt mich die Realität ein und mir wird bewusst, wie wenig ich selbst meine Freiheit und mein innerer Ruhepol bin.
Viel mehr bin ich in solchen Situationen ein menschlicher Lemming, der ohne Bestätigung von anderen - eigentlich völlig irrelevanten - Mitmenschen aus irgend welchen Gründen nicht glücklich ist und diese Bestätigung braucht, um sein Ego zu streicheln.
Man nehme zum Beispiel die ersten Wochen meiner Uni-Zeit. Im Endeffekt war das Stress pur. Ich habe den Dunstkreis meines gewohnten Backrounds verlassen. Die Sicherheit der Freunde, die ich oft schon seit Kindertagen kannte, die Familie, die Umgebung. Natürlich war auch dort nicht immer alles “Blümchenwiese,” aber ich habe mich wohl gefühlt und war glücklich.
600 Kilometer entfernt und völlig alleine in einer unbekannten Wohnung - die ab jetzt mein zu Hause sein sollte - schlug ich also die Augen auf. Von da ab habe ich mich die ersten Wochen eigentlich nur damit beschäftigt, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Und wie macht man das als Student? Natürlich auf jede Party gehen, die Lockerheit durch maximalen Alkoholkonsum ins unermessliche steigern und trotzdem immer einen lockeren und guten Eindruck hinterlassen. Stress pur.
Man verabredet sich in der Mensa mit Menschen, von denen man vom ersten Augenblick weiss, dass sie zwar nett sind, aber nicht wirklich zu einem passen. Man hält auch einfach mal die Klappe, wenn eine dieser neuen “Bekanntschaften” absoluten Bullshit labert. Satt verächtlich den Kopf zu schütteln, mit den Augen zu rollen und einen möglichst scharfen Kommentar los zu lassen, lächelt man nett und trinkt einfach ein bisschen mehr.
Ja, all das und noch viel mehr lässt man über sich ergehen. Einfach nur weil man nicht weiss, ob man noch Menschen treffen wird, bei denen man nicht Interesse an den wahnsinnig spannenden Entwicklungen in der Saftabfüllanlagen-Branche heucheln muss, nur um nicht sozial isoliert leben zu müssen.
Tja, zum Glück musste ich diesen Stress nicht allzu lange mit machen. Ich habe viele interessante und für mich inzwischen sehr wichtige Menschen kennen gelernt - von denen ich auch keinen mehr missen möchte.
Doch wenn ich nach meinem Idealbild der in mir ruhenden Freiheit gehandelt hätte, wären meine Prioritäten sicher andere gewesen. Ich hätte mich nicht als erstes damit beschäftigt herauszufinden wo gefeiert wird, sondern eher welche Vorlesungen ich besuchen muss und wie ich möglichst gut und schnell mein Studium über die Bühne bekomme.
Es hätte mir erst mal genügt, die Uni und die Umgebung alleine zu erkunden, meine Wohnung fertig einzurichten und anzukommen. Ich wäre völlig damit zufrieden gewesen erst nach und nach neue Bekanntschaften zu machen. Und wenn das nicht klappt, auch nicht so schlimm.
Doch so bin ich nicht. Und wie es momentan aussieht werde ich so auch nie werden.
Die Zeit an der Uni ist vorbei. Adieu Kleinstadt, bonjour Berlin.
Diesmal zwar nicht mehr so allein wie damals, dennoch regt sich der Lemming……………….

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